Ist Wasser H2O?

Wenn man eine Ontologie schreiben will, muss das im Gegensatz zu landläufiger Meinung kein dickes Buch ergeben, je nachdem wie viel man sagen kann oder wie viel zu sagen ist. Hier bezieht sich das „Sagenkönnen“ auf den Bereich des Seins (noch ganz unverfänglich gemeint), der dem Menschen erkennbar und aussprechbar ist, während das „wie viel zu sagen ist“ ausdrücken soll, dass der Mensch vielleicht zu tiefer Seinserkenntnis befähigt ist, dass in diesen Tiefen aber nicht viel zu entdecken sein mag.

Irgendwie glauben Philosophen bei den grundsätzlichsten Fragen die meisten Worte machen zu müssen, so als wenn bei einem Wolkenkratzer über das Fundament mehr zu sagen wäre, als über die Etagen mit den Büros und Wohnungen, in denen sich das Leben abspielt. Das Fundament enthält jedoch bestenfalls die Tiefgarage, in der die Menschen ankommen und von der sie wieder abreisen. Der größte Teil der Werkstoffe jedoch wurde in all das verbaut, das oberirdisch ist – in den Bereich des Lebens und seiner sozialen Verknüpfungen.

Über das Fundament ist auf der baustofflichen Seite am wenigsten zu sagen, außer, dass es von allen Teilen des Gebäudes das am wenigsten Filigrane ist und den räumlich geringsten Anteil daran hat. Dennoch muss es die Last der gesamten Konstruktion tragen können, und ohne das Fundament ist das gesamte Gebilde zum Einsturz verdammt.

Wenn wir über das Sein sprechen, so sprechen wir über das Fundament unseres Lebens – ein Leben, das durchaus sehr gut und überaus reichhaltig funktioniert, auch ohne dass wir uns über die Basis viele Gedanken machen müssen. Es mag deshalb sein, dass eine Ontologie mit den wenigsten Worten aller Wissenschaften (auch hier noch ganz unverfänglich) auskommt, eben weil Seinsprinzipien den geringsten Teil unseres Lebens ausmachen und/oder weil deren Transzendenz uns am wenigsten überhaupt zu sagen erlaubt.

Ich habe bei zwei Begriffen einen Vorbehalt geäußert, der sich darauf bezieht, diese Begriffe vorläufig verwendet zu haben. Es hätten noch mehr sein können: „Mensch, Leben, Seinsverständnis“ usw. Dies ist ein Problem, dem wir in der Grundlagenforschung mit als erstes begegnen. Alte Begriffe müssen neu und schärfer gefasst, oder neue Begriffe gefunden werden, um zu adäquaten Beschreibungen zu kommen. Auf dem Weg dorthin steht uns aber nur ein Instrument zur Verfügung – nämlich das der Alltagssprache. Wir kommen nicht umhin, uns jenes Instrumentes fast unhinterfragt zu bedienen, dessen schärfere Version wir zur Erreichung unseres Forschungszieles später benötigen.

Das Erste, das die „linguistische Wende“ in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts uns gebracht hat, ist die einfache Formel, dass alles, was wir denken und sagen in Begriffe und dass unsere „Welt“ in Sprache gefasst ist. Wie leicht zu sehen, hat das weitreichende Konsequenzen. Sprache muss sich nicht nur um Genauigkeit im Hinblick auf die Beschreibung der Welt bemühen, sie muss die gleiche Sorgfalt auch auf sich selbst anwenden.

Hier sind wir Menschen wie Steinmetze, die all ihr Augenmerk auf Ihre Kunst zu richten haben, deren Kunst aber nicht zu Geltung kommt, wenn sie ihre Meißel und Hämmer nicht pfleglich behandeln. Und wie der Steinmetz seine Instrumente vor der Arbeit am Werkstück in Stand zu halten hat, so müssen wir unsere Sprache geeignet machen und halten, um das Sein behauen und ihm dessen Geheimnisse entreissen zu können. So wie Michelangelo meinte, die Figuren seinen schon im Stein enthalten und würden von ihm nur aus ihrem Gefängnis „befreit“, so verstehen wir die Prinzipien des Seins als bereits in diesem Sein enthalten. Es gilt, diese Prinzipien mithilfe des bestmöglichen Werkzeuges im bestmöglichen Zustand herauszuarbeiten.

Nun muss die linguistische Philosophie mit einem Risiko leben. Wenn alles in der Sprache ist, und wir in der Lage sind, Worte definitorisch mit neuem Sinn zu belegen oder neue Worte zu erfinden, diese mit Sinn zu füllen, oder sogar leer zu lassen – welches Kriterium haben wir dann, „Sinn und Unsinn“ voneinander zu unterscheiden? Uns bliebe nur die Sprache, wodurch wir in eine Aporie gerieten, wie wir sie auch aus anderen Bereichen der menschlichen Selbstreflektion kennen. Erkenntnis dessen, was Erkenntnis ist, Wissen über das, was Wissen ist, das Sein des Seienden und  Sprechen über die Sprache – das alles führt zu Widersprüchen, Paradoxien, logischen Zirkeln und infiniten Regressen.

Für Philosophen und deren interessiertes Publikum mag das eine Binsenweisheit sein – für den Menschen des Alltags sind solche Gedanken mitunter sehr problematisch. Oft liegt das weniger daran, dass diese Gedanken so schwer zu verstehen wären, sondern eher daran, dass es so schwierig ist, sich auf diese Gedanken einlassen zu WOLLEN. Schließlich untergraben sie das, was uns am vertrautesten ist – die funktionierende, reichhaltige Welt, in der wir leben, lieben und sterben.