Der Anfang
Fragt man sich heutzutage, ob Metaphysik noch möglich ist, so muss man sich zunächst fragen, ob Philosophie überhaupt noch sinnvoll ist. Bejaht man das zweite prinzipiell, gilt es zu zeigen, in welcher Form und in welchen Rahmen Philosophie heute noch einen Sinn haben kann. Zu weit sind die Naturwissenschaften in den letzten Jahrzehnten ins Land der Weisheit eingedrungen und haben Landstrich für Landstrich in Besitz genommen. Viele Fragen, die noch vor wenigen Jahren in der Säulenhalle der Philosophie gestellt wurden, sind heute durch die Mikroskope der Naturwissenschaften scheinbar zufriedenstellend beantwortet worden, und viele Antworten der Philosophen sind offenbar durch die Realwissenschaften widerlegt.
Da, wo Philosophie ihre Fragen noch in Konkurrenz oder auch Kooperation mit den Naturforschern stellt, wird der Korridor des durch sie Behauptbaren immer schmaler. Es scheint, dass ihr nur noch eine ethische oder wissenschaftstheoretische Begleitfunktion zukommen kann. Unangefochten ist die Philosophie auch nicht mehr im Kreise der Geisteswissenschaften. Die Psychologie, die Sozialwissenschaften und die Politologie haben die bisherigen Erkenntnisse der Philosophen integriert, und verbannen diese heute mit ihren Methoden des Messens und Zählens aus ihrem Reich. Was da bleibt, ist auch hier bestenfalls noch von metatheoretischer Bedeutung.
Welchen Platz kann die Philosophie noch beanspruchen, wenn die Linguistik zunehmend den Kontakt zur Sprachphilosophie verliert, und wenn vor allem die altehrwürdige Logik heutzutage eher ein mathematisches, als ein philosophisches Gepräge hat? Zusätzlich fehlen selbst der Ethik zunehmend philosophische und religiöse Grundlagen, um wie früher zu mehr oder minder verbindlichen Handlungsmaximen zu gelangen. Die Natur- und Geisteswissenschaften liefern immer mehr Wissensstoff, der auf eine objektive Wahlfreiheit des Menschen in einer wertfreien Weltnatur hindeutet.
Damit leistet die moderne Wissenschaft einem ethischen Pragmatismus Vorschub, der ihren Forschungsergebnissen bestenfalls noch eine modernisierte und verkomplizierte Form des kategorischen Imperativs überstülpt.
Wenn schließlich noch die Neurowissenschaften Geist und Bewusstsein, den freien Willen und alle innerpsychischen Vorgänge exklusiv zum Gegenstand ihrer Arbeit erklären, fällt eine weitere Bastion des „alten Denkens“ der mächtigen Bugwelle neuzeitlicher Wissenschaftlichkeit zum Opfer. Traditionelle philosophische Probleme, wie die Frage nach dem Ich, dem Leib-Seele-Problem und Fragen der Erkenntnistheorie werden von der Neurologie im Verbund mit der Biologie vereinnahmt. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass selbst die Psychologie gegenüber dem modernen Menschmaschinen-Modell einen schweren Stand zu haben scheint.
Wo also ist der Platz der Philosophie? Soll sie sich in wissenschaftstheoretischen Erörterungen erschöpfen, wie es der logische Empirismus verlangt? Muss sie sich auf Besinnlichkeit beschränken, wie Heidegger angesichts der zunehmenden Technisierung der Welt glaubte? Sollte sie sich an die Sozialwissenschaft ketten, um eine Ethik gegründet auf deren wissenschaftliche Resultate zu entwickeln? Hat sie in Fragen, die Welt, deren Gepräge, Anfang und Ende betreffend, überhaupt noch etwas zu sagen?
Wenn man Wittgenstein folgt, der im Tractatus verlangt, nur noch das zu sagen, was sich klar und deutlich sagen lässt – muss dann die Philosophie nicht notwendig verstummen?
Und wenn nicht: darf man es noch wagen, sich den großen Fragen der Ontologie und Metaphysik zu stellen, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben?