Teleologie oder Zufall?
Ein kleines Buch hat mich in meiner Jugend besonders beeindruckt. „Zufall und Notwendigkeit“ von Jacques Monod, Nobelpreisträger für Medizin von 1965. In diesem Büchlein von knapp 170 Seiten stellte er sich den philosophischen Fragen der modernen Biologie. Als das Buch 1970 in Paris erschien, deutete sich die eigentliche Explosion des molekularbiologischen Wissens, vor allem im Hinblick auf die Genetik. gerade erst an. Bahnbrechende Forschungen hatte es natürlich bereits gegeben, aber die technischen Möglichkeiten der heutigen, durch die Wirtschaft gesponserten „Honorarforschung“ waren noch sphärische Zukunftsmusik am Horizont.
Doch hatten die Forscher der Biologie, der Teilchenphysyik und der Neurowissenschaften vor allem eines erreicht, nämlich das alte Menschenbild zu erschüttern und einiges von dem, was Philosophen bis dahin fast unwidersprochen behaupten konnten, endgültig zu widerlegen. Der Korridor dessen, was Philosophen über den Menschen und die Natur mit Recht sagen konnten, wurde zunehmend enger, während gleichermaßen neue Fragen diesen Korridor zu verstopfen drohten.
Fast schien es, als würde sich der Wunsch Carnaps und der logischen Positivisten erfüllen, nach dem die Philosophie den Naturwissenschaften ihre alten Weidegründe abzutreten hatte. Natürlich hatte es dies Entwicklung vor allem seit der Aufklärung schon immer gegeben, aber die Dynamik mit der die Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts voran strebte war von atemberaubender Rasanz. Es wurden nicht mehr nur einfach neue Erkenntnisse über die Natur, und darin die biologische Natur des Menschen, gewonnen, sondern man gelangte zu Einsichten, die in zweierlei Hinsicht bedenklich waren.
Zum einen waren sie bedenklich, weil die Forschung zu Ergebnissen gelangt war, die zu einer radikalen Umdeutung bisheriger, für sicher geglaubter philosophischer Wahrheiten, zu zwingen schien. Zum zweiten war absehbar, dass nicht nur die Eckpfeiler menschlicher Existenz in Frage gestellt waren, sondern auch, dass die Wissenschaft den Menschen nicht mehr nur umdeuten wollte, sondern dass sie auch zunehmend Mittel in die Hand bekam, den Menschen ebenso radikal umzubilden.
Doch noch waren die neuen ethischen Fragen nicht wirklich akut. Zwar wurden sie schon in Ansätzen diskutiert, aber wirklich vordringlich waren sie noch nicht. Die Philosophie hatte noch zu viel mit den Umwälzungen des Wissens zu tun, als dass sie sich ausgiebig mit z.B. den ethischen Fragen der Genforschung hätte beschäftigen wollen. Die „Alten“ konnten nicht mehr, und die „Jungen“ wollten noch nicht auf den neuen Zug aufspringen. Wie schon Habermas bemerkte, hatte sich sich das Expertenwissen zunehmend vom Wissen des Normalsterblichen entfernt und strebte weiter fort.
Wer als Philosoph dieser Explosion des Expertenwissens nicht folgen konnte oder wollte, blieb zurück. Er konnte zwar weiter philosophieren, wurde aber nur noch insofern wahr- und ernst genommen, als er den modernen Naturwissenschaften nicht in die Quere kam. Und so schien es kein Wunder, dass die Naturwissenschaftler selbst die weltanschauliche Lücke füllen wollten, die die Philosophie nicht zu füllen in der Lage schien. Allerdings zeigte sich, dass den Biologen, Chemikern und Physikern etwas anderes fehlte, als den Philosophen – nämlich die Fähigkeit, ernsthafte, sich selbst hinterfragende Metatheorie zu betreiben. Die Philosophie hatte noch nicht ausgespielt, auch wenn ihre Spieler angeschlagen am Spielfeldrand lagen und sich verarzten ließen, um später erstarkt wieder in die Manege zu treten.
Dennoch musste sich die Philosophie, zumindest im Dunstkreis der Naturwissenschaft, wieder einmal umstellen. Die Philosophen hatten einer Bewegung zu folgen, die ihre naturwissenschaftlichen Kollegen schon längst vollzogen hatten. Es galt, sich zunehmend zu spezialisieren. Während früher der Philosoph auch Biologe war (oder umgekehrt), blieb ihm später (neben den anderen philosophischen Feldern) die Biologie nur noch als Gegenstand des weltanschaulichen Denkens. Durch die neuerliche Potenzierung des Gewussten und Wissbaren blieb den Denkern nunmehr nichts anderes übrig, als sich sowohl im Hinblick auf die philosophische Disziplin, als auch im naturwissenschaftlichen Gegenstand ihres Denkens zu bescheiden.
Wo man früher alle Naturwissenschaften in den Fokus nehmen und philosophisch interdisziplinär bearbeiten konnte, zwang die Wissenszunahme nunmehr dazu, sich mehr oder minder auf eine naturwissenschaftliche Disziplin zu beschränken, bei der man sich bemühte, mit den Erkenntnissen der Forschung mitzuhalten. Heute gibt es mitunter Spezialisten für medizinische und biologische Ethik, deren hauptsächliches Forschungsinteresse nur noch einer Naturwissenschaft und einer dies bzgl. (hier der ethischen) philosophischen Disziplin gilt.
In der damaligen Aufbruchstimmung kam Monods Buch gerade zur rechten Zeit. Ich hatte seinerzeit erst begonnen, mich mit Philosophie zu beschäftigen und mein besonderes Interesse fiel auf die Teile des Werkes, die sich mit der Theorie der Evolution auseinander setzten. Dabei war ich weniger an den Fragen der Auslese interessiert, die viele andere so spannend fanden, weil sie Begriffe, weil sie z.B. von Begriffen „Kampf ums Dasein“, oder „Überleben des Stärkeren“ fasziniert waren.
Mich interessierte eher der im Buch deutlich thematisierte Gedanke, dass die Natur im Hinblick auf Mutationen blind herum experimentiert, wobei dieser irgendwie blinde Aktionismus aber zu Ergebnissen führt, denen wir Menschen eine Art Zielgerichtetheit vom Einfachen zum Komplexen und vom Niederen zum Höheren unterstellen.
Verdächtig am teleologischen Theorem erschien mir schon damals, dass der Mensch, der eine höhere Komplexität und einen höheren Status von sich behauptete, selbst die Kriterien für diese Minder- und Höherwertigkeit bestimmte. Das schien mir ein Zirkelschluss zu sein. Ich würde natürlich nicht so weit gehen zu behaupten, dass eine Amöbe objektiv den gleichen Komplexitätsgrad wie ein Homo Sapiens hat. Wenn ich mir jedoch ein Wesen dächte, das das Wunder des Lebens danach beurteilt, mit wie wenig Voraussetzungen Leben möglich ist, dann könnte dieses Wesen zu dem Schluss gelangen, dass die Amöbe weitaus effektiver als der Mensch ist. Schließlich schafft sie mit einer Zelle, wofür der Mensch millionen benötigt. Insofern schien die Evolution also eher zu einer Regression geführt zu haben, statt zu einem Fortschritt.
Was dem Menschen subjektiv selbstverständlich anmutet, muss es im Hinblick auf andere subjektive Möglichkeiten, also objektiv nicht unbedingt sein. Es wäre zu klären, inwiefern der typisch menschliche Blickwinkel und eine gewisse Parteilichkeit das Urteil über die Zielgerichtetheit der Evolution beeinflussten. Wenn uns die Intuition kein objektives Ergebnis liefert, weil wir als Menschen nicht so einfach einen Platz außerhalb des Menschseins an- und einnehmen können, müssen wir eben überlegen, wie der menschlich-subjektive Standpunkt zu wählen ist. Wenn Objektivität per se nicht zu erreichen scheint, sollte der subjektive Ausgangsort zumindest relativ frei von pro-menschlichen Vorurteilen bleiben.