Hirn im Tank
ich bin ein interessierter philosophischer Laie und habe Ihre Ausführungen zum Thema Gehirn im Tank mit großer Spannung und Neugier gelesen. Gestoßen bin ich auf das Problem durch Ihren Kollegen Wolfgang Welsch, dessen Vorlesungen „Die Philosophie nach 1945“ ich derzeit als Hörbuch auf dem Weg zur Arbeit höre.
Wie Sie selbst in Ihrem Aufsatz im Humboldt-Spektrum 3/2005 war ich gar nicht sicher, ob ich den Beweis, oder womöglich sogar schon die Problemstellung richtig verstehe. Im Zuge meiner Internet-Recherche bin ich dann auf Ihre kleine Website gestoßen. Ihrem o.a. Artikel gebührt der Verdienst, mir das Problem zumindest verständlich gemacht zu habe, auch wenn Sie zunächst auf Crispin Wright verweisen. Aus dessen Neufassung des Gedankenexperimentes allein, wäre es mir vermutlich nicht möglich gewesen, die folgende Gedanken zu entwickeln.
Um es übersichtlich zu halten, werde ich beim Tigerbeispiel bleiben.
Wie sie habe ich zuerst an entweder einen Taschenspielerkniff geglaubt oder einen ganz üblen logischen Schnitzer, musste aber einsehen, dass es so einfach nicht ist. Augenblicklich ist mir noch nicht einmal klar, ob ich das Problem entschieden habe, wenn ich ein paar Einwände vorbringe.
Ich möchte nicht hoffen, dass sie zu laienhaft sind und ebenso, dass ich nicht zu viel wiederhole, was schon andere ohne mein Wissen davon zu dem Thema gesagt haben.
Fangen wir an:
Sie erwähnen die erste Prämisse: In meiner Sprache bezeichnet das Wort „Tiger“ die Tiger.
Hier ist irgendwie schon ein Vorentscheid zu Gunsten des Allgemeinbegriffes getroffen. Das Wort bezeichnet ja nicht nur den oder die „Tiger“ schlechthin, sondern auch den konkreten Tiger, der mir im Zoo gegenwärtig ist.
Ich unterscheide drei Fälle:
- den Allgemeinbegriff „Tiger“
- alle konkreten Tiger, von denen ich ein paar während meines Lebens sehe
- den Einzeltiger, der meinen Sinnen im Zoo gegeben ist
Im ersten Fall erhalten wir einen Satz, der logisch wahr aber tautologisch ist. Übersetzt hieße er:
„Der Begriff Tiger bezeichnet den Begriff den ich von Tigern habe.“
Im zweiten Fall erhalten wir einen Satz der Form:
„Der Begriff Tiger bezeichnet eine Menge von Tigern, auf die sich schließe, wenn ich mehr als einen Tiger konkret gesehen habe.
Im dritten Fall muss es heißen:
„Der Begriff Tiger bezeichnet den sinnlich erfahrenen Tiger, dem ich im Zoo gegenüberstehe.“
Unterstellen wir mal, dass mein Gehirn im Tank die gleichen Fähigkeiten zu Begriffsbildung hat, wie mein vermutlich reales Hirn und dass der Tankverwalter meine „alte“ Welt eins zu eins abbildet.
Das würde bedeuten, dass mir der Computer den Sinneseindruck des Tigers mit dem entsprechenden Gewissheitsgefühl gibt, das ich auch vorher schon hatte. Zudem müsste ich unterstellen, dass mir alle Mitmenschen in der Simulation gegeben sind, mit allen sozialen Bindungen und eben auch allen sprachlichen Befähigungen und Inhalten, über die ich auch real verfügte.
Man kann sich das zwar durchaus anders denken, aber dann wäre es keine Simulation meines vermuteten realen Seins mehr, sondern etwas anderes.
Meinem Tankbewusstsein müsste also prinzipiell das vollständige Gesamtpaket gegeben sein, das zum Zeitpunkt meiner Ad Hoc-Versetzung in den Tank vorhanden war. Nicht nur mein „Tigerbegriff“, oder „Tigerbewusstsein“ wären gleich, sondern auch meine Sprache wäre dieselbe, auch wenn sie sich nicht mehr auf reale Tiger bezöge, sofern ich welche „sähe“.
.Erschwerend käme hinzu, dass im Falle einer Ad Hoc-Versetzung ja durchaus noch reale Tiger außerhalb des Tanks existieren, wodurch sich der lustige Fall ergäbe, dass ich mich zwar an reale Tiger nicht mehr erinnere und auf keine realen Tiger mehr treffe, mich wohl aber auf ein Ding beziehe, das insofern objektiv real wäre, als es den Computerprogrammierer genötigt hätte, es zum Zwecke der Deckungsgleichheit in meine Simulation einzubauen.
Natürlich beweisen diese Gedanken, dass ich kein Gehirn im Tank bin und Putnam hätte Recht, sie widerlegen jedoch die Folgerung des Gedankenganges, das ich eine „andere“ Sprache hätte. Für mich bliebe alles gleich. Paradoxerweise gäbe es in dem Fall eine Realität, aber Putnams Aufweis einer Realität kann über die Problematik der Ad Hoc-Versetzung nicht erfolgen.
Schließlich wäre die reale Außenwelt inhaltlich ein Irrtum. Ich glaube mit Tigern in einer Primärwelt zu sein, bin aber in einem Tank in der Primärwelt mit eingebildeten Tigern statt echten.
Unterstellen wir nun, dass ich schon immer im Tank war und dass es
a) nur den Tank, den Computer und den Programmierer gäbe:
hier sind Tiger nicht real existent. Sie sind lediglich Teil meiner computerbasierten Wirklichkeit. Letztlich wäre aber alles ein kohärentes System. Wieder sind andere Mitsprecher vorhanden, eine Erinnerung an meine Sozialisation und meine Sprachbildung, wie auch die Sprache selbst. Auch wenn ich mich auf eine Tigersimulation beziehe, glaube ich an reale Tiger und an Menschen mit denen ich über Tiger in genau der Sprache spreche, in der ich auch in meiner vermuteten Existenz spreche, wenn ich hier sitze und schreibe. Ich könnte die gleiche Philosophie haben und die gleichen Gedanken. Nichts wäre anders.
b) zwar einen Tank gäbe, einen Computer und einen Programmierer, diese aber in einer Welt leben, in der es Tiger gibt. Das würde bedeuten, dass sich wieder in einem kohärenten System wäre, mich mit meinem Tigerbegriff aber für den Programmierer auch auf Tiger außerhalb beziehe, weil meine Tiger REAL nicht einfach simulierte Raubtiere sind, sondern simulierte Raubtiere, die einem realen Vorbild nachempfunden sind. Wie man es aber auch dreht, auch hier blieb alles kohärent und wir wären wieder beim paradoxen Fall der Ad Hoc-Versetzung: Putnam hätte Recht, aber der Beweis ist unsauber.
Gehen wir nun davon aus, dass dieser paradoxer Beweis von Putnam so gewollt ist. Es gäbe also keinen Be-weis, aber eben daraus einen Auf-weis der Realität einer Außenwelt, wenn auch nicht der Außenwelt, an die sich auf naiver Ebene glaube.
In beiden Fällen von Welten, die reale Tiger kennen, gibt es eine reale Außenwelt, aber ich bin und bleibe im Tank, und Putnam könnte nur dann Recht haben, wenn ich Bewusstsein von meiner Tankexistenz hätte.
Wirklich interessant ist nur der Fall, in dem es keine Tiger, keine Erde und keine Menschen gäbe. Es wäre nämlich sehr die Frage, wie der Programmierer auf die Idee käme, Tiger zu simulieren, wenn er gar keine „kennen“ kann. Wenn er selbst womöglich noch ein körperloser Geist wäre, könnte er vielleicht noch nicht einmal einen Tiger aus Beinen und Bauch und Schwanz und Maul und mit gestreiftem Fell „bauen“, weil er diese Körperteile und den Gehalt von „gestreift“ nicht kennt. Bliebe also noch der Fall der Schöpfung: Der Programmierer ist Gott, und einer Antinomie können wir nur entgehen, wenn wir diesen Gott als den denken, den uns die Kirche glauben macht.